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Gemeinsam gegen das Vergessen - Stolpersteinverlegung in Kleve

Am 20. April 2018 fand im Klever Bahnhofsviertel eine vom Haus Mifgash initiierte Stolpersteinverlegung statt, woran sich einige Referendarinnen und Referendare des ZfsL Kleve aktiv beteiligten.

Mit Unterstützung der Klever Historikerin Helga Ullrich Scheyda informierten sie sich zur Geschichte der Familie Wolff und verfassten einen Vortrag, der während der Verlegung der Stolpersteine verlesen wurde. Im Anschluss nahmen sie an der abschließenden Gedenkveranstaltung im projektraum-bahnhof 25 teil.

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Stolpersteinverlegung Familie Wolff in Kleve

 

Guten Tag meine Damen und Herren!

Mein Name ist Bettina Wille und ich vertrete die Referendarinnen und Referendare des Zentrums für schulpraktische Lehrerausbildung in Kleve unter der Fachseminarleitung Frau Anja Brolle für das schulische Lehrfach Geschichte. 

Wir stehen heute an einem besonderen historischen Ort, denn hinter uns befindet sich die erhaltene Familienvilla der Familie Wolff in der ehemaligen Klever Straße, heute Bahnhofstraße 21. 

Ich möchte Ihnen nun zuerst einmal die verschiedenen Familienmitglieder kurz vorstellen, in deren Namen wir die Stolpersteine heute verlegen. 

Familiäres Oberhaupt, kann man - so glaube ich - sagen, war Dr. Max Wolff. Nach der frühen Auswanderung der beiden Söhne in den 1920er Jahren, lebte er zusammen mit seinen Töchtern - Elfriede und Helene -  in diesem Haus.

Anhand meiner Ausführung möchte ich Ihnen darlegen, wie eng verwurzelt die Familie Wolff mit der Klever Gemeinde war und welches Unrecht ihnen widerfuhr.

Dr. Max Wolff war als kaiserlich-königlicher Tierarzt ein fester und angesehener Teil der Klever Gesellschaft. Trotz seines bereits hohen Alters war Dr. Wolff auch in den Dreißigerjahren noch beruflich aktiv, wenngleich er seine Praxis nur noch in eingeschränktem Umfange betrieb. Wenn er auch schwerere Arbeiten, die körperliche Kräfte erforderten, nicht mehr ausführen konnte, so übte Dr. Wolff doch weiterhin leichtere Tätigkeiten aus wie z. B. Schweineimpfungen und die Behandlung lahmer Pferde. Daher war er ein angesehener Fachmann für die Tierhalter in Kleve und Umgebung. Über seine Tätigkeit als Veterinär hinaus ließ Dr. Wolff seine Fachkenntnisse den Bewohnern der Region sogar durch seine Lehrtätigkeit an der Melkerschule in Schmitthausen zugute kommen.    

1935 wurde Dr. Wolff im Zuge der nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen die Ausübung seines Berufes verboten. Die Bedeutung dieser weiteren Beschneidung seiner Rechte und Freiheiten für ihn - den Tierarzt - wird in einer Anekdote eines Klever Zeitzeugens deutlich: Als dieser nämlich zu jener Zeit auf Dr. Wolff in der Innenstadt traf und sich nach dessen Befinden erkundigte, erhielt er von Dr. Wolff die kurze und dochprägnante Antwort „abstammungsgemäß“. 

Da das Leben in Kleve von nun an für die gesamte Familie zunehmend unerträglicher wurde, entschied sich Dr. Wolf im hohen Alter von82 Jahren gemeinsam mit seinen beiden Töchtern die Heimat zu verlassen und nach San Francisco auszuwandern, wo bereits Dr. Rudolf Wolff, einer seiner beiden Söhne, seit 1936 lebte.

Bevor Familie Wolff von den deutschen Behörden die Genehmigung zur Ausreise erhielt, hatte sie zunächst alle Abgaben und Sonderzahlungen wie z. B. die Judenvermögensabgabe zu entrichten. Sie mussten ihren Grundbesitz verkaufen und Silber- und Schmuckgegenstände bei der Pfandleihe in Krefeld abgeben. Eine große Anzahl an Möbelstücken musste die Familie ebenfalls in Kleve zurücklassen. 

Obwohl die sie die Schiffskarten für die Überfahrt nach Amerika bereits vor der Abreise aus Kleve bei der Hamburg-Amerika Linie gekauft hatte, musste sie im Jahr 1939 wegen Verzögerungen im Bearbeitungsprozess durch das Generalkonsulat ungeplanter Weise zunächst nach Großbritannien fliehen, um weiterer Verfolgung in Deutschland entgehen zu können. Letzten Endes erhofften sich die  Familienmitglieder, von dort die Reise in die U.S.A. anzutreten. Dieser Zwischenaufenthalt in England erforderte eine gewisse Wartezeit, bis die Einwanderungsvisa für die Drei ausgestellt wurden. Als die Weiterfahrt hätte erfolgen können, verstarb leider Dr. Max Wolff am 14. Oktober 1939 in London an Altersschwäche und wohl auch an den Belastungen der Fluchtbedingungen. 

Frau Elfriede Wolff, geboren am  12. Oktober 1892 in Kleve, und die zweitgeborene Tochter des Max Wolff, widmete ihr Leben der musikalischen Kunst. Wie schon ihr Vater – war sie eng mit der Klever Gemeinde verbunden und darüber hinaus war sie zusammen mit ihrer Schwester, Helene, die ich anschließend vorstellen werde, sehr aktiv und engagiert in der Klever Kunstszene tätig.  

Zunächst lernte sie ihr Handwerk des Geigespielens bei Professor Eldering in Köln, der ab 1903 am Kölner Konservatorium lehrte und sich dadurch auszeichnete, dass er einer der prägendsten Violinpädagogen seiner Zeit war und mit dem Bram-Eldering-Quartett zu Weltruhm gelangte. Zusätzlich verfeinerte Elfriede Wolff ihr Instrumentalspiel sowie ihre pädagogischen Fähigkeiten bei einem Fortbildungskurs in Baden-Baden. Dort hielt der damals sehr berühmte Prof. Carl Flesch im Sommer immer Meisterkurse ab, die der internationalen Nachwuchselite der Violinistinnen und Violinisten offen standen. 

Folglich überrascht es nicht, dass Frau Elfriede Wolff nach dieser hervorragenden Ausbildung zur Geigerin auch noch die staatliche Anerkennung zur Geigenlehrerin im Jahre 1929 von dem Provinzial-Schulkollegium in Koblenz verliehen wurde, weil sie nicht nur künstlerisch, sondern auch pädagogisch tief beeindruckt hatte. Zum Glück ließ Elfriede Wolff auch die Jugend an ihrer Musikalität und an ihrem pädagogischen Geschick teilhaben, indem sie viele Klever Kinder und Jugendliche selbst unterrichtete, um ihre musikalischen Erfahrungen an die nächste Generation weiterzugeben.

Auch in vielen Konzertkritiken wurden Frau Elfriede Wolffs besondere Leistungen hervorgehoben. Lobend erwähnt wurde sie z. B., als sie anlässlich eines Wohltätigkeitskonzerts in einer Weihnachtsfeier zum Besten der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen mit einer anderen Klever Künstlerin, der Sängerin Alma Diederich, und dem Klever Stadtorchester im Dezember des Jahres 1922 auftrat. 

In der Zeitung Clevischer Volksfreund vom 22. Dezember 1919 heißt es:

„Mit der e-moll-Sonate des alten Salzburger Violinvirtuosen Biber machte Elfriede Wolff wohl nur einem kleinen Teil des Publikums Freude, dann aber dadurch, wie sie diese alte Kammermusik spielte, eine um so größere. Im zweiten Teil [des Konzerts] spielte Frl. Wolff mit edler Grazie und warmen Ton noch drei Burmester-Kreisler, […] .“ 

Dieses Zitat ist nur ein Beispiel aus zahlreichen, wie sehr ihr musikalisches Engagement und ihre Hingabe auch in der Klever Öffentlichkeit gewürdigt wurde. 

Nach 1933 hatte sie allerdings als Jüdin wohl keine Auftrittsmöglichkeiten mehr und auch die Zahl ihrer Geigenschülerinnen und –schüler wird vermutlich zurückgegangen sein, da das Kulturleben in Kleve von dem nationalsozialistisch gesinnten Hanns Schwarz dominiert wurde, der neben seiner Tätigkeit als Musiklehrer am Klever Gymnasium u. a. auch NSDAP-Kreiskulturwart und Kreisführer des Kampfbundes für deutsche Kultur war. 

Wie schon bei der Vorstellung ihres Vaters – Max Wolff – erwähnt, verließ Elfriede im Jahre 1939 Deutschland und fand nach ihrem Aufenthalt in England ihren Wohnsitz mit ihrer Schwester Helene in San Francisco. Im einundachtzigsten Lebensjahr verstarb sie leider 1979 im kalifornischen Marin. 

Abschließend können wir zu ihrem Wirken in Kleve festhalten, dass ihr Heimatort mit ihrer Emigration ins Ausland eine außerordentlich talentierte – und hochgeschätzte - Musikkünstlerin und -pädagogin verloren hatte, einzig und allein, weil sie zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft eine Jüdin war. 

Nun komme ich zu Elfriede Wolffs älterer Schwester Helene Wolff. Sie war eine junge und weltoffene, ja geradezu moderne Frau, die nicht nur aufgrund ihrer Tätigkeit als Lehrerin Anknüpfungspunkte mit uns hatte. Toleranz und ein friedliches Miteinander waren nur einige Bestrebungen, welchen Helene Wolff nachging und die sie mit Leidenschaft vertrat. Doch wer war diese Botschafterin für Völkerverständigung? Helene Wolf wurde 1889 in Kleve geboren. Schon kurz nach dem Besuch des evangelischen Lyzeums in Kleve absolvierte sie eine Ausbildung zur Lehrerin am Comenius-Institut in Bonn. Nach dem Examen 1909 war sie an verschiedenen jüdischen Schulen tätig, bevor sie 1917 eine Aushilfsstelle an der evangelischen Volksschule in Kleve antrat. Ab 1934/35 war sie Lehrerin an der jüdischen Schule in Kleve, gab jedoch kurz darauf ihre Tätigkeit als Lehrerin auf und führte danach den Haushalt ihres Vaters.

Bereits seit 1918 war Helene Wolff Mitglied der internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit. Ein friedliches, freiheitliches und gerechtes Zusammenleben sowie die soziale, wirtschaftliche und politische Gleichberechtigung aller Menschen und die Abschaffung jeglicher Diskriminierung waren und sind noch heute die Ziele dieser Liga.

Große Bekanntheit errang Helene Wolf durch die Übersetzung von Ernst Tollers Buch Das Schwalbenbuchin die Plansprache Esperanto. Schon früh beschäftige sie sich intensiv mit der Sprache und war Mitglied des Deutschen Esperantobundes. Esperanto war und ist eine Plansprache, die die Verständigung zwischen Menschen verschiedener Völker erleichtert und eine kulturelle Gleichberechtigung ermöglicht: eine Weltsprache sozusagen. 

Hier nun ein Beispiel dieser Kunstsprache: 

La lingvo vi aŭdas estas Eseperanton, planlingvon ke Helena Wolfo lernis post la Unua Mondmilito en ŝia serĉo por mondpaco aŭ komunikado. Kaj kiu estis armilon ke la NSDAP uzis kontraŭ ŝin kaj aliaj homoj kun intereso en paco. La lingvo estis ĝojon al ŝin kaj ŝi eĉ tradukis la "Schwalbenbucho" de Ernsto Tollero en ĝi, kiel ŝi sentis ĉin poezion skribis per politika malliberulon en malliberejo estus valora kunhavigus la mondo, sendependa de la muroj de lingvoj.

Völkerverständigung war es auch, welche Helene Wolf stets anstrebte. Dies zeigt sich schon an den zahlreichen Weltkongressen, welche sie im Rahmen ihres Esperantobundes besuchte. Zu nennen sind hier beispielsweise die Kongresse in Antwerpen, in Paris oder auch in Köln. Den Nationalsozialisten waren die Esperantisten wegen ihrer Internationalität suspekt und schon kurz nach der „Machtergreifung“ wurden „nichtarische“ Esperantisten aus dem Deutschen Esperantobund ausgeschlossen. So kam es, dass während eines nicht genehmigten Treffens von Esperantisten in Düsseldorf, zu dem auch Niederländer geladen waren, Helene Wolff verhaftet und für neun Tage in Schutzhaft genommen wurde.

Noch im Juli 1938 erhielt Helene Wolff obendrein von der Gestapo selbst die Genehmigung, einen englischen Sprachkurs für Mitglieder der jüdischen Gemeinde abzuhalten, „da [lt. den Gestapoakten??] durch ihn [diesen Kurs] die jüdischen Auswanderungsbestrebungen gefördert werden dürften“. 

Glücklicherweise konnte sich Helene rechtzeitig mit ihren Verwandten - Max und Elfriede - vor der sogenannten „Endlösung“ retten, weil Familie Wolff - wie schon erwähnt - 1939 emigrierte. Die beiden Schwestern verbrachten ihren Lebensabend in Kalifornien, wo Helene früher als ihre Schwester im Jahr 1955 verstarb

Wir stehen jetzt hier, um die Familie Wolff, den Vater Max sowie seine Töchter Elfriede und Helene mit diesen Stolpersteinen zu ehren, damit die nachfolgenden Generationen in Kleve sich zu ihrem Gedenken an sie erinnern werden.

Hiermit möchte ich die kurze Vorstellung der Familienmitglieder abschließen und Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit danken. Im Projektraum 25 des Bahnhofs folgt nun noch die Abschlussveranstaltung. Vielen Dank!

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