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Studienfahrt nach Auschwitz

„Heute ist Auschwitz für die ganze Welt ein mahnendes Denkmal, und alle denken auch an Bezüge zu ihrer jeweils eigenen Situation.“[1]

Dieses Zitat des Pfarrers Dr. Manfred Deselaer erscheint rückblickend als geeignet, um einen zentralen Ansatzpunkt zur Bündelung unserer Erlebnisse auf der diesjährigen Studienfahrt des Zentrums für schulpraktische Lehrerausbildung Kleve nach Oświęcim zu bestimmen. So eröffnet es zum einen den Blick auf die historische Dimension der Gedenkstätte, in der der Prototyp dessen erfahrbar und greifbar wird, was der Soziologe Wolfgang Sofsky treffend als „die Ordnung des Terrors“[2] beschrieben hat. Zum anderen betont es jedoch auch die perspektivische Gebundenheit, unter deren Voraussetzung die Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Massenmord erfolgt. Beide Aspekte sollen im Folgenden kurz an einzelnen Ereignissen unserer Studienfahrt veranschaulicht werden.

Am „mahnenden Denkmal“ des historischen Ortes Auschwitz können und sollen die „intellektuelle und moralische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit Hand in Hand gehen.“[3] In diesem Sinne durften wir unter der kompetent vorbereiteten Anleitung von Frau Dr. Monika Skowronski-Fries, einer Vertreterin der Karl-Arnold-Stiftung, breit gefächerte Einblicke gewinnen. Eine kommentierte Stadtführung durch Oświęcim und der anschließende Besuch im dortigen Jüdischen Zentrum gewährten uns vielseitige Eindrücke einer regionalen Geschichte jüdischen Lebens, wobei die Öffnung des Fokus‘ über die Geschichte des nationalsozialistischen Massenmordes an der jüdischen Bevölkerung hinaus einen großen Gewinn darstellte und uns half, ein erstes Verständnis für den Ort und die Region zu entwickeln. Besonders zu erwähnen ist an dieser Stelle die zweischneidige Bedeutung der Bekanntheit der Stadt Oświęcim, die einerseits den Rahmen für das historische Vermächtnis um das Konzentrationslager bietet, andererseits aber auch mit vielerlei Problemen zu kämpfen hat. So erweist sich der Name der Stadt beispielsweise im Bemühen um die Förderung der regionalen Wirtschaft sowie die Schaffung von Arbeitsplätzen als schwere Last.

In diesen Kontext eingebettet erfolgte die weitere Auseinandersetzung anhand von Besuchen in den beiden Lagern Auschwitz I und Auschwitz II Birkenau. Durch kommentierte Führungen, zeitliche Freiräume zur Setzung individueller Schwerpunkte, gezielte Quellenarbeit in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oświęcim und die Vorträge des stellvertretenden Leiters der Gedenkstätte Auschwitz Andrzej Kacorzyk und des Zeitzeugen Prof. Waclaw Dlugoborski erweiterten und schärften wir unser Wissen. Neben den historischen Fakten traten dabei vor allem deren Auswirkungen auf die individuellen Biographien zahlreicher Menschen sowie der Anspruch und die Zielsetzung der dort geleisteten Gedenkstättenarbeit in den Vordergrund, die sich in klarer Abgrenzung zur Intention der emotionalen Überwältigung der Anleitung einer rationalen Beschäftigung mit den Inhalten verschrieben hat.

Abgerundet wurde diese Erfahrung durch die Eindrücke der atemberaubenden Stadt Krakau, deren kulturelle Vielfalt, historische Tiefe und architektonische Besonderheiten genügend Stoff für weitere Studienfahrten bieten können. Auch hier konnte Frau Dr. Skowronski-Fries gezielte Einblicke in das jüdische Leben der Großstadt gewähren, womit das Bild der doch eher ländlich geprägten Geschichte der Juden Oświęcims wunderbar ergänzt wurde.

Anknüpfend an das eingangs genannte Zitat Pfarrer Deselaers verdienen die „Bezüge zu ihrer jeweils eigenen Situation“ eine besondere Erläuterung. Unter sie kann man den jeweils individuellen Zugang der Besucher der Gedenkstätte Ausschwitz, aber auch die unterschiedliche Herangehensweisen religiöser, nationaler oder ethnischer Kollektive fassen. Rückblickend müssen einige von uns mit Bedauern zugeben, dass sie die Verhaltensweisen verschiedener Reisegruppen innerhalb des Lagers als sehr befremdlich wahrgenommen und davon ausgehend vielleicht auch verurteilt haben. Anschaulich bleibt hier das Bild einer israelischen Reisegruppe in Erinnerung, die – ausgestattet mit einheitlichen, weißen Kapuzenpullovern, welche mit den Motiven der Stacheldrahtzäune, Schienen und Krematorien von Auschwitz bedruckt waren, – im wörtlichen Sinne jubelnd Flagge zeigten und in Siegerposen Fotos aufnahmen. Der Irritation darüber konnte beim abendlichen Gespräch der von der Deutschen Bischofskonferenz als Auslandsseelsorger am Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim eingesetzte Manfred Deselaer Abhilfe verschaffen, der seit vielen Jahren ein offenes Ohr für verschiedenste Reisende hat. Herr Deselaer wusste zu berichten, dass nahezu alle israelischen Schülerinnen und Schüler vor ihrem Schulabschluss eine zweiwöchige Reise nach Polen antreten, um dort – so Deselaer wörtlich – „auf den Spuren der Vernichtung ihres Volkes zu wandeln“. Konfrontiert mit einer Geschichte der Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung, endeten diese Reisen schließlich in Auschwitz, das nicht nur als Ort der Vernichtung von Millionen Juden wahrgenommen werde, sondern als Sinnbild für den Wunsch oder das Ziel einer endgültigen Vernichtung aller Juden dieser Erde gelte. Für die oben beschriebenen Reisegruppen besäße jedoch nicht das Andenken an die Verstorbenen die oberste Priorität, sondern vielmehr das symbolhafte Zeugnis für das Scheitern dieses Planes der Vernichtung. Die Nationalsozialisten wollten eine restlose Vernichtung – die Juden wollten leben. Das nationalsozialistische Reich wurde bezwungen – ein jüdischer Staat ist in der Folge erstanden. Nicht die Trauer über die Opfer des nationalsozialistischen Massenmordes steht im Fokus, sondern die Freude über dessen Scheitern. Mit diesem Hintergrundwissen wurden die von Teilen von uns empfundenen Irritationen als unreflektiert und unwissend entlarvt. Die Auseinandersetzung israelischer Reisegruppen mit Auschwitz ist dabei nur ein Beispiel unter vielen. Je nach religiösem, nationalem, ethnischem oder politischem Blickwinkel verändert sich diese Wahrnehmung beträchtlich. Diese Erfahrung des eignen fehlerhaften und ungerechten Empfindens führte uns in aller Deutlichkeit vor Augen, wie Unverständnis und fehlendes Wissen zu Spannungen zwischen Menschen führen können. Um solche Missverständnisse möglichst zu vermeiden, seien der Aufbau von fundiertem und wissenschaftlichem Fachwissen, der Dialog mit den Menschen und der Dialog mit Gott unerlässlich, führte Deselaer weiter aus. Da Auschwitz ein Ausdruck von vollends gescheiterten Beziehungen zwischen Menschen sei, beständen seine Folgen bis heute fort. Daher erfolge der Dialog mit Menschen oft unter schwierigen Bedingungen. Zuhören sei ein erster und essenziell wichtiger Schritt in diesem Prozess.

Als angehende Lehrerinnen und Lehrer konnten wir aus der Studienfahrt neben dem detaillierten und vielseitigen Wissen zur Geschichte des Judentums in Polen sowie zum nationalsozialistischen Massenmord vor allem mitnehmen, dass eine Erschließung verschiedener Perspektiven auf die Gedenkstätte Auschwitz ein lohnenswertes, wenn nicht verbindliches Ziel für die Vorbereitung und Durchführung einer schulischen Gedenkstättenfahrt sein muss. Dies lässt sich mit Blick auf die einzelnen Länderausstellungen in Auschwitz I gut fassen und methodisch anleiten. Auch im Einklang mit der geschichtswissenschaftlichen Handlungskompetenz wurde uns in Oświęcim deutlich gemacht, wie wichtig es ist, für eine Verbesserung der Beziehungen zwischen den Menschen einzutreten, Kontakte zu knüpfen, Dialoge zu suchen oder zumindest zuzuhören bevor man urteilt.

Für den Erfolg der Studienfahrt möchten wir uns vor allem bei Eva Weyl bedanken, ohne deren Unterstützung die Fahrt nur schwer möglich gewesen wäre. Außerdem möchten wir Frau Dr. Skowronski-Fries von der Karl-Arnold-Stiftung für die Organisation unseres Aufenthalts in Oświęcim und Krakau sowie Frau Anja Brolle und Frau Anke Sommer für die Vorbereitung und Koordination der Studienfahrt danken. Ein letzter Dank gilt Herrn Dr. Manfred Deselaer, dessen offenes Ohr uns manche Einsichten beschert und Erkenntnisse geliefert hat. Mit einem Zitat Pfarrer Deselaers möchten wir in dieser Konsequenz auch schließen.

„Wer Auschwitz ernst nimmt, berührt eine Wunde, die noch nicht geheilt ist. Diese Wunde hat mit unserer eigenen Identität zu tun (…) Heilung nach Auschwitz ist eine Beziehungsgeschichte.“[4]

Martin Heinrichs



[1] Deselaer, Mandred: Einführung für Teilnehmende am Weltjugendtag 2016, URL: http://sdm2016.cdim.pl/index.php/de/einfuehrung; zuletzt aufgerufen am 18.08.2016.

[2] Sofsky, Wolfgang: Die Ordnung des Terrors: Das Konzentrationslager. Frankfurt a. M. 62008.

[3] Sauer, Michael: Geschichte unterrichten. Eine Einführung in die Didaktik und Methodik. Seelze-Velber 82009. S. 151.

[4] Deselaer. 2016.

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